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Eintracht Frankfurt: Die Eintracht hat ein Jugendproblem

Von PEPPI SCHMITT

Die Talente stagnieren, die U 23 fehlt: Die Eintracht hat ein Jugendproblem. Nach der Trennung von den Nachwuchstrainern Schur und Bindewald soll Frank Leicht die U 19 vor dem Abstieg retten. Die Missstände aber wurzeln viel tiefer.

Frankfurt. 

Für Alexander Schur und Uwe Bindewald war schon am Rosenmontag alles vorbei. Die Frankfurter Eintracht hat die beiden verantwortlichen Trainer der U 19 entlassen. Die Vereinslegenden mussten nach einer gemeinsamen Entscheidung der „Fußball AG“ um Sportvorstand Fredi Bobic und den neuen Technischen Direktor Marco Pezzaouli sowie des „EV“ um Präsident Peter Fischer und Nachwuchschef Armin Kraaz gehen, weil sie mit ihrer Mannschaft immer tiefer in den Abstiegssumpf der Bundesliga Süd /Südwest versunken waren, zuletzt mit zwei Niederlagen gegen den FC Augsburg und den SC Freiburg. Damit hat eine Fehlentwicklung am Riederwald ihren vorläufigen Tiefpunkt gefunden.

Im Schatten der Erfolge der Profiabteilung hat die Nachwuchsabteilung in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung verloren. Ein Grund dafür: die Abmeldung der U 23 im Sommer 2015 aus der Regionalliga und ihre ersatzlose Streichung. Sie war und ist bis heute umstritten. Die aktuellen Macher, egal ob Bobic oder Pezzaouli oder auch Trainer Niko Kovac, haben sich in der Öffentlichkeit meist diplomatisch geäußert, sehen den fehlenden Unterbau aber dennoch ziemlich kritisch.

Vor bald vier Jahren hieß es, die Entscheidung sei „nach reiflicher Überlegung und Abwägung aller Interessen“ gefallen. Sportliche Gründe wurden angeführt, unter anderen, dass es kaum noch Spieler gibt, die den Weg über eine U 23 in die Bundesliga finden. Und finanzielle, weil die Eintracht die 500 000 bis 800 000 Euro pro Jahr, die unter anderem die Miete für die Möglichkeit der Austragung der Spiele am Bornheimer Hang verschlang, sparen wollte. Das Geld sollte direkt in die A-Jugend fließen und dort für eine breitere Basis sorgen.

Das ist grandios schief gegangen. Wirklich besser nämlich ist in der U 19 nichts geworden. Schon im vergangenen Jahr hat sich die Mannschaft zeitweise in Abstiegsgefahr befunden, bevor es am Ende doch gereicht hatte. Das Argument, man könne mit dem frei gewordenen Geld bessere Spieler für die A-Jugend verpflichten, die dann schnell den Sprung nach oben schaffen, hat sich bislang schlicht als falsch herausgestellt. In den engeren Kreis der Profimannschaft haben es seit Jahren nachhaltig nur der dritte Torwart Leon Bätge und Mittelfeldspieler Marc Stendera geschafft. Eine wichtige Rolle aber spielen selbst diese beiden nicht.

Keine Perspektive

Mit Noel Knothe, Nelson Mandela, Sahverdi Cetin, Renat Dadashov und Deji Beyreuther wurden fünf aktuelle A-Jugendspieler mit Profiverträgen ausgestattet, die freilich keine wirklich gute Saison spielen und in ihrer Entwicklung eher stagnieren. Gerade für sie ist es ein großes Problem, dass es mit Blick auf die neue Saison im Grunde keine wirkliche Perspektive mehr gibt. Bei der aktuellen Klasse des Profiteams sind die Chancen der Jungen verschwindend gering, sofort den Sprung zu schaffen. Und da es die Zwischenstation U 23 nicht mehr gibt, wird es automatisch dann auch an Spielpraxis fehlen. So könnte ihnen ein Weg drohen wie zuletzt Furkan Zorba oder davor David Kinsombi, die dann doch den Verein verlassen haben, um woanders spielen zu können. Jüngstes Beispiel ist Max Besuschkow, dem alle Verantwortlichen großes Talent attestieren, der aber im gesamten ersten halben Jahr keine Einsatzminute hatte und nun nach Kiel ausgeliehen wurde, um dort Praxis zu erlangen.

Sportchef Bobic hat das strukturelle Problem erkannt und Pezzaouli unter anderem auch deshalb installiert, um gewissermaßen eine neue Mannschaft aus der Taufe zu heben. Pezzaouli liebäugelt damit, in einer Art Reserverunde Spielpraxis für A-Jugendliche und wenig eingesetzte Profis aufzubauen. Doch der Weg dahin ist wohl noch weit. Der nach der U-23-Abmeldung geäußerte Plan, vielleicht in der näheren oder weiteren Umgebung einen Partnerverein zu finden, bei dem Talente geparkt werden könnten, wurde auch nicht wirklich verfolgt. Der SV Wehen Wiesbaden war da mal im Gespräch, zuletzt auch der SC Hessen Dreieich.

Ein großer Rückschlag droht

Dem Beispiel der Eintracht und dem damaligen Vorreiter Bayer Leverkusen, ihre U-23-Teams abzumelden, sind auch nicht wirklich viele andere Vereine gefolgt. Gerade hatte es der neue Sportchef des VfB Stuttgart, Michael Reschke, in Erwägung gezogen, die U 23 abzumelden, konnte sich intern aber nicht durchsetzen. Der VfB wird weiter eine zweite Mannschaft haben, die sich nun U 21 und nicht mehr U 23 nennt. Die Eintracht jedenfalls hat das Aus der U 23 nicht wirklich vorangebracht, weder individuell bei einzelnen Spielern noch kollektiv bei den Leistungsmannschaften. Auch wenn die Abstiegsgefahr der U 19 in dieser Saison durchaus überraschend gekommen ist. Kann der Absturz nicht vermieden werden, wäre dies ein weiterer großer Rückschlag und würde den Club im bundesweiten Vergleich zur Bedeutungslosigkeit verurteilen.

Frank Leicht, ausgewiesener Fachmann wie sein Vorgänger und früherer Co-Trainer Alexander Schur es auch war, einst beim VfB Stuttgart und RB Leipzig unter Vertrag, soll nun retten, was zu retten ist. Leicht hat schon zwischen 2006 und 2010 für die Eintracht gearbeitet. Im Sommer 2006 waren die Frankfurter übrigens schon einmal aus der höchsten Jugendklasse abgestiegen, damals unter Trainer Claus Schäfer. Leicht hatte übernommen und über die Hessenliga den sofortigen Wiederaufstieg geschafft. Jetzt soll er den Umweg unbedingt vermeiden.

Artikel vom 14.02.2018, 03:30 Uhr (letzte Änderung 05.03.2018, 03:33 Uhr)

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